Tourist go home

Im Moment gibt es in der Arte-Mediathek eine interessante Reportage mit dem Titel „Tourist go home“. Da die Reportage dort nur noch 16 Tage abrufbar ist, schreibe ich jetzt schnell noch diesen Artikel, damit möglichst viele Leser diese Reportage noch sehen können. Von daher wird der Beitrag auch wenig bebildert sein, da ich lieber die Zeit nutze, um den Beitrag zu schreiben als die entsprechenden Symbolfotos herauszusuchen.

Die Reportage habe ich schon vorletzte Woche gesehen, aber nachdem heute Carola einen Blogeintrag zum Thema Streetphotograhy in Marrokko veröffentlicht hat, war das für mich der Anlass zu dem Thema hier im Blog auch noch etwas dazu zu schreiben.

Wie man auf der Karte zum Foto des Tages sieht, komme ich ja etwas herum. Fotografiere ich, um zu verreisen oder verreise ich, um zu fotografieren? Egal wie diese Frage beantwortet wird, in beiden Optionen beinhalten das Fotografieren und darin sehe ich schon den ersten Unterschied zum zügellosen Massentourismus. Wir ambitionierten Hobbyfotografen wollen schöne und gute Bilder machen und nicht möglichst viele Sehenswürdigkeiten in möglichst kurzer Zeit abklappern.

Ohne die Fotografie wäre ich vermutlich ein Tourist wie jeder andere und würde nur Knipsen. Durch die Fotografie nehme ich mir mehr Zeit für Land und Leute. Das merke ich auch immer wieder, wenn ich mit Nichtfotografen unterwegs bin und sich dann die Reisegeschwindigkeit deutlich unterscheidet. Dann fühle ich mich oft gehetzt. Durch das langsame Tempo ist es auch fast immer so, dass wenn ich irgendwo war, ich nicht alles gesehen, was mich interessiert und ich nachdem ich nach Hause gekommen bin, immer noch genug Ziele übrig habe, um an die gleiche Location nach einmal zu fahren.

Ich rücke bei den Bildern noch den Ort in den Vordergrund. Noch zwei Tage gibt es bei Arte ebenfalls noch die Sendung „Me, my selfie and I“ und dort bringt es eine junge Frau auf den Punkt: Der Eiffel-Turm ist langweilig ohne mich, weil er schon millionenfach fotografiert wurde. Gerade bei solchen Sehenswürdigkeiten ist der fotografische Anspruch, eine neue Perspektive zu finden und nicht das Standardbild zu machen. Für das Selfie muss es das Standardbild sein, damit im Hintergrund die Sehenswürdigkeit zu sehen ist. Ich bin dann eher der Beobachter, der die Selfiefotografen beim Fotografieren fotografiert. Beim Massentourismus gibt es somit eine sehr hohe Konzentration an Personen an bestimmten stellen. Ein paar Meter abseits, sieht dann die Welt teilweise schon wieder komplett anders aus.

Für mich fängt aber auch schon eine Reise mit der Vorbereitung an. Erster Schritt ist die Auswahl des Reiseführers. Ich mag die Reiseführer aus dem Michael Müller Verlag oder von DK. Die sind zwar hochpreisiger, aber bieten sehr viel mehr Informationen für den Individualtouristen als andere Reihen. Meistens habe ich dennoch einen der dünnen Reiseführer dabei, denn für die Orientierung vor Ort reicht das meisten aus. Die Hintergründe lese ich mir meistens in den dicken Wälzern vor oder nach einer Reise an.

In Lissabon waren mir letztes Jahr die Aufkleber von „Lisboa does not love“ aufgefallen. Die Forderungen habe ich mir angeschaut und bin damit völlig einverstanden. Anscheinend ist es in Lissabon aber noch nicht so schlimm wie in Barcelona, denn die Kampagne sagt selbst, dass die nicht will, dass Lissabon zu einem neuen Barcelona wird. Als Tourist habe ich da wenig Einblicke wie z.B. die Situation ist in Barceloneta genau ist, aber man liest und hört immer wieder, dass die Alteingesessenen durch private Zimmervermittlungen vertrieben werden. Ich denke, dass dieses Phänomen im Grunde der Gentrifizierung in unseren Großstädten entspricht.

Wir in Frankfurt sind keine Tourismushochburg, aber trotzdem steigen die Besucherzahlen von Jahr zu Jahr. Als Einheimischer wollte ich mir letzte Woche nur ein Produkt im Kaufhof an der Hauptwache anschauen. Dummerweise war nach dem Eingang eine asiatische Touristengruppe direkt vor mir und ich bin in dem Laden einfach nicht vorangekommen. Da war ich schon genervt, dass ich mich deren Schleichtempo anpassen musste und nicht zügig bis zur Rolltreppe kam. Das ist nur ein kleines Beispiel und wenn mich in Frankfurt schon so etwas nervt, wie mag das dann die Einheimischen in Touristenhotspots nerven? Von daher habe ich volles Verständnis für die Kampagnen gegen den Massentourismus.

Es ist zwar schon wieder Jahre her, dass ich zur Nebensaison in Venedig war. Trotzdem war es damals schon so, dass selbst in der Nebensaison die Kreuzfahrtschiffe so viele Touristen in die Stadt gekippt hatten, dass im Zentrum (Markusplatz, Rialto) wenig Durchkommen war. Dort sind die Übernachtungstouristen in der Minderheit und die Tagestouristen in der Überzahl. Von daher konnte ich dort vor allem die Zeiten vor und nach den Tagestouristen genießen. Tagsüber war ich dann vor allem außerhalb unterwegs.

Ich komme jetzt nicht mehr auf den Namen, aber auf Malta war ich in einer Kirche, in die während des Gottesdienstes eine Fliegerbombe im zweiten Weltkrieg durch das Dach gefallen war (zum Glück war sie nicht detoniert). Nachdem ich dort war, kam eine Reisegruppe mit einem Reisebus an. Dort hatte ich nicht extrem lange fotografiert, aber mir die Kirche, die Aufbauten für die Osterprozession und das Duplikat der Fliegerbombe in Ruhe angeschaut. Bevor ich dort fertig war, war die Reisegruppe mit dem Bus schon wieder weg.

Zur blauen Stunde und abends packt der Fotograf ja gerne sein Stativ aus. In Sevilla habe ich das öfters auch tagsüber gemacht, um Timelapse-Aufnahmen zu machen. Egal ob es abends oder tagsüber war, ich wurde noch die doof angemacht, weil ich als Tourist mit dem Stativ irgendwo in der Gegend herumgestanden habe. Eher das Gegenteil war der Fall, dass die Leute auf mich Rücksicht genommen habe und ich sie animieren musste weiterzulaufen, weil sie bei Langzeitbelichtungen sowieso nicht im Bild zu sehen sind. Stativträger sind eben deutlich in der Minderheit gegenüber Selfie-Sticks.

Das eigene Verhalten ist aber nach wie vor das A und O. Ich versuche unterwegs den normalen Ablauf in einer Stadt nicht zu stören. Mit der Einstellung fühle ich mich wohl und habe auch kein schlechtes Gewissen, wenn ich in Touristenhotspots fahre.

2 Kommentare

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